
Schule und GeschichteDer Kampf der Bürger [...]
Dr. Hans-Jürgen Lorenz:
Dissertation; 382 S.;. erschienen in der Reihe "Regionale Schulgeschichte" im BIS-Verlag, Postfach 2541, 26015 Oldenburg;
Im Unterschied zu herkömmlichen Schulgeschichten untersucht die Dissertation in einer strukturell-funktionalen Analyse die Geschichte der ersten realistischen Bildungseinrichtung in Oldenburg, "um die Ereignisse, Kräfte und Mächte auf[zu]zeigen, die zu ihrer Zeit den realen Zustand der Schule effektiv bestimmt haben [W. Schulenberg]." In der 76jährigen Vorgeschichte bis zur Gründung 1844 zeigt sich, daß die auf Reformen drängenden Rektoren und Lehrer der Lateinschule (Ehlers, Manso, Kruse, Heyse)immer wieder an der konservativen Mehrheit des Konsistoriums als oberster Schulbehörde scheitern. Erst durch den reformfreudigen Generalsuperintendenten Esdras Mutzenbecher gelingt 1792 mit der Einrichtung einer "Commerzklasse" am Gymnasium ein erster Teilerfolg.Die starke Bevölkerungszunahme und die damit verbundenen Herausbildung eines Gewerbebürgertums in der Stadt Oldenburg gibt der Entwicklung neue Impulse. 1829 fordert der Stadtrat in einer Petition die Einrichtung einer Höheren Bürgerschule als Alternative zum altsprachlichen Gymnasium. Gleichzeitig erheben 10 Gewerbebürger dieselbe Forderung, die sie im Geiste des Vormärz entschieden politischer formulieren. Dabei berufen sie sich auf die "Hauptschule" in Bremen, die 1817 als Kombination von Gymnasium und Höherer Bürgerschule nach einem Vorschlag Herbarts gegründet war. Johann Friedrich Herbart hat auch weiterhin die Entwicklung der Schule durch sein Eintreten für eine realistische Bildung als Alternative zur humanistischen bestimmt; deshalb bezeichnet 1872 Direktor Strackerjan Herbart als den Patron der Oberrealschule. Die Einweihung des Herbartdenkmals zu dessen 100. Geburtstag 1876 ist ein internationales Ereignis. Strackerjan spricht 1882 davon, die Schule nach Herbart zu benennen, sein plötzlicher Tod verhindert den Plan. Nachdem das Konsistorium über 8 Jahre das angeforderte Gutachten verschleppt hat, zwingt 1839 eine durch den Stadtrat initiierte öffentliche Spendenaktion für die Gründung einer Höheren Bürgerschule das Konsistorium endlich zum Handeln. Doch auch nach der Gründung der Schule 1844 geht der Kampf der Gewerbebürger für ein neues, auf moderne Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften gegründetes Bildungskonzept weiter, wie der Streit um den obligatorischen Lateinunterricht von 1844 bis 1848 beweist. Dieser Streit zeigt zugleich exemplarisch den Grundkonflikt zwischen humanistischer und realistischer Bildung, der bis 1900 die Entwicklung des Bildungswesens behindert. Nach 1866 gerät Oldenburg unter den Einfluß der restriktiven preußischen Schulpolitik. Im Unterschied zu zahllosen Veröffentlichungen über das preußische Schulwesen macht die Dissertation durch Vergleiche mit anderen Reichsländern und westeuropäischen Staaten deutlich, daß Preußen bis 1908 immer das Schlußlicht der Weiterentwicklung des Bildungssystems bildet. Zahlreiche antipreußische Artikel und Leserbriefe in Oldenburger Zeitungen beweisen, daß man das damals auch in Oldenburg so sieht. Von der damaligen Städtischen Oberrealschule gehen vielfältige Impulse aus, von den Volksbildungsabenden "Zur Feier deutscher Dichter" bis zur Gründung des "Fußballclubs der Oberrealschule", aus dem der heutige VFB entsteht. Auch während der Weimarer Republik bleibt Preußen hinter den Reformen in den übrigen Reichsländern und auch denen im Freistaat Oldenburg zurück. Die Verstaatlichung der bis dahin Städtischen Oberrealschule 1934 dient dazu, den als Demokraten ausgewiesenen Direktor Dr. Otto Müller und einige der Hitlerjugend mißliebige Lehrer zu entlassen. 1938 wird im Rahmen einer Aktion, die zahlreiche Schulen im Reich betrifft, die "Staatliche Oberrealschule" in "Hindenburgschule" umbenannt. In der Nachkriegszeit wird die Hindenburgschule zur zahlenmäßig größten höheren Schule der Stadt Oldenburg. Als die Raumnot den Schulträger zu Neugründungen zwingt, entstehen aus der Hindenburgschule 1958 das Neue Gymnasium und 1963 das Gymnasium Eversten. Seit 1976 ist die Schule koedukativ, und im Schuljahr 1998/99 haben die Schülerinnen die Zahl der Schüler leicht überflügelt. Mit der Namensgebung "Herbartgymnasium" wurde 1988 nach heftigen Auseinandersetzungen die älteste Tradition der Schule nach 144 Jahren verwirklicht. Mit der Weiterführung des Bundesversuchs "Japanisch" und der Einrichtung eines bilingualen Zweiges füllt die Schule eine Lücke im Bildungsangebot der Gymnasien in der Stadt Oldenburg.
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